Postkarten

Während einer Signierstunde vorgestern Abend der Schriftstellerin Nathalie Ronvaux (hier im Blog besser bekannt unter die N.) in der Buchhandlung Alinéa, bei der sie ihr neuestes *Buch vorstellte, wurde ich anderweitig fündig. Ich war eigentlich anwesend um ihr beizustehen, weil N. solche Stunden nicht so besonders mag. Ihr Buch kaufen brauchte ich nicht, denn ich hatte es schon während den Walfer Büchertagen gekauft.

Ich fand etwas ganz anderes. Es  sieht aus wie ein kleines dickes Buch doch eigentlich ist eine Kiste mit Postkarten.

Wer schon etwas länger hier mitliest, weiß dass ich den New Yorker im Abo habe. Es sind in jeder Ausgabe immer wieder Artikel die mich umhauen. Verlinken kann ich sie leider nicht immer, da es sie nicht online gibt, sodern nur im Print.  Ich schätze die Zeitung aber auch für ihre Cover, die ausschließlich nur gemalt sind.

Das ist zum Beispiel eines der letzten Cover das ich vor ein paar Tagen im Briefkasten hatte.

Die Kiste beinhaltet 100 ihrer schönsten Cover im Postkartenformat von 1920 bis 2001.

Postkarten

Und als ich sie mir in aller Ruhe zu hause ansah, entschied ich mich dafür, mir beim New Yorker eines der Cover als gerahmtes Bild zu bestellen. Eine Idee die ich zum ersten Mal vor Jahren in München sah. Dort gab es eine Schaufensterdeko in einem großen Bekleidungsgeschäft die nur aus Winter- und Weihnachtscovern vom New Yorker bestand. Dabei stellt sich jetzt die allumfassende Frage: Welches Cover???

*Über das neue Buch von Nathalie „Subridere – Un aller simple“ werde ich schreiben wenn ich es gelesen habe.

Letzter Arbeitstag für dieses Jahr / Eine Weihnachtsfeier

Ja, gestern war mein letzter Arbeitstag für 2017. Und immer wenn ich aus einem Projekt komme das so riesig und zeitaufwendig war, ist der erste Tag danach wie schwarzes Loch in das ich versinke. Und so sitze ich hier am PC morgens gegen 10:00 Uhr, ungeduscht, die Haare noch nach Rauch riechend, aber dazu komme ich noch.

Rumpelstilzchen geht weiter. Es wird noch vier weitere Vorstellungen geben in Esch und in Ettelbruck aber erst ab Januar 2018. Jetzt wird erst mal alles in Angriff genommen, was die letzten Wochen liegen blieb.

Die to do Liste:

Brief an die Versicherung

Zur Reiseagentur fahren

Die FT*  für Rumpel fertig schreiben
(*FT heisst „Fiche technique“ und beinhaltet alle Daten und Fotos für das Stück die für die Maske relevant sind, wie Aufbau und Frisiertechniken jeder einzelnen Perücke, Schminkplan bzw. die Maskenzeiten für jeden Akteur, Anleitung zur Erstellung jeder einzelner Maske, und der Zeitplan der Umzüge hinter der Bühne. Das Stück dauert zwar nur 1 Stunde 20 Minuten, aber bei 16 Schauspielern wird das ein „Buch“ werden, das ich heute noch fertig schreiben muss.)

-Kündigungsbrief an die Verwaltung wegen dem Stellplatz in der Tiefgarage die ich bei der kleinen Wohnung angemietet hatte. Brauch ich nicht mehr, da die neue Wohnung eine eigene Garage hat.

Endabrechnung vom Material

***

Wie alle Jahre hatte die J. gestern wieder zu ihrem Pre Xmas geladen, eine Feier zu der ich letztes Jahr nicht konnte.  Doch dieses Jahr war es ganz besonders schön. Es gab wie immer einen ganzen Truthahn. Und fragt nicht wie sie dieses Vieh in den Ofen kriegt, doch er ist ihr noch jedes Jahr gelungen. Draußen auf der Terrasse brannte ein Feuer in einer Schale, so heimelig und schön dass ich öfters draußen am Feuer war als drinnen. Daher die oben erwähnten „geräucherten“ Haare.

Es waren wieder viele bekannte Gesichter da.

Jeder musste so ein „Ding“ am Kopf tragen. Es ist mir jedoch schleierhaft warum ich immer wieder Frida Kahlo genannt wurde. 😉

Und dann war da noch diese Mütze…

Aus dem Familienalbum 1

Es wird eine neue lockere Reihe werden mit Fotos aus dem Familienalbum. Fotos wie die im vorletzten Post die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Sie lagen in Kisten fest verpackt und obwohl ich genau wusste wo sie lagen, wollte ich sie nicht sehen. Doch die Zeit heilt die Wunden und die Trauer ist nicht mehr so schmerzhaft. Und heute kann ich sie mir wieder ansehen ohne dabei in ein tiefes Loch zu fallen.

Fangen wir mit einem Familienfoto mütterlicherseits an.

v.l.

Großvater Emile den ich nie gekannt habe und von dem es nur sehr wenige Fotos gibt.
Tante Gritty mit 7 Jahren.
Meine Mutter als Baby
Tante Gréidy
Großmutter Thérèse

Das Foto gehört zu einer Serie von vier Stück, denn da gab es noch den Fotografen selbst, der sich in folgendem Foto schnell per Selbstauslöser mit ins Bild stellte. Ich habe die beiden besten eingescannt, die anderen waren verwackelt.

Zwischen Tante Gritty und meiner Mutter: Onkel Nicolas dessen Hobby eine Zeit lang das Fotografieren war.

Rumpelstilzchen im Grand Théâtre

 

Ich hatte schon vor ein paar Wochen darüber berichtet dass Rumpelstilzchen in die heiße Phase geht und es deshalb hier etwas ruhiger wird.

Eine kleine Vorabreportage bei RTL gibt es hier zu sehen.

rumpel

Ich war zugegeben etwas erschrocken als ich die Reportage sah, wie wenig ich mich in letzter Zeit um mein eigenes Aussehen gekümmert habe. Dieser Bart Wildwuchs!!!!

Ein paar Fotos der Bühne und hinter Bühne von Kollegen/innen, die ich von deren Facebook oder Instagram Konten mit freundlicher Genehmigung entnommen habe.

Die Bühne vom Zuschauerraum aus.

 

Eine der zahlreichen Requisiten für die Party des Königs.

 

Das Kleid der „Widersacherin“ in der Schneiderei ausgebreitet auf dem Boden damit der Saum fertig genäht wird.

 

Die Müllerstocher (Eli Johannesdottir) mit einer der Perücken für den dritten Akt des Stückes, die aber durch eine andere ersetzt wurde.

Gestern Abend war Premiere…

Blond und Schwarz

Als ich letztens die Fotokisten durchwühlte fand ich die einzigen Aufnahmen von mir aus einer Zeit in der ich blond sein wollte.

***

Und dann hatte ich auch mal ein Shooting bei der ich diese und andere Fotos in einer Modell Agentur einreichte. Es wäre eh nur für Fotos gewesen, denn für den Laufsteg war ich zu klein.

Es kam aber nie ein Auftrag. Und wenn ich heute die Fotos sehe, weiß ich auch warum. Ich sah sehr androgyn aus und hatte zu viel Schminke drauf. Das war im damals noch sehr konservativen Luxemburg nicht gefragt.

Mein Vater

Vater

Angeregt durch einen Beitrag der Kaltmamsell, in dem sie ihre Leser aufforderte, doch mal was über ihre Großeltern zu schreiben, (dass habe ich aber schon vor Jahren getan, hier über Marie, hier über Thérèse)  dachte ich an meinem Vater der 1988 mit nur 52 Jahren verstarb. Heute, mir der größtmöglichen Distanz die kaum noch eine Emotion zulässt, kann ich über ihn schreiben.

Eines gleich vorweg. Vater und ich haben uns nie verstanden. Ich habe ihn zeitweise abgrundtief gehasst. Erst heute verstehe ich warum das so war. Doch brauchte es fast 30 Jahre dazu. Er war ein eingesperrter Freigeist, der es in seinem Leben nur einige wenige Male geschafft hat sich zu befreien. Das und seine Entwurzelung aus seiner Heimat Straßburg führten dazu, dass er in seinen letzten Jahren mehrfach in tiefe Depressionen fiel und letztendlich an einem Gehirntumor verstarb.

Mein Vater hatte keine schöne Kindheit. Großmutter Marie hatte den sehr viel älteren Großvater Camille spät geheiratet und es war nicht die beste Ehe. Marie war nicht dafür gemacht Kinder großzuziehen, zudem hatte sie sich ein Mädchen gewünscht. Als es ein Junge wurde, war die Enttäuschung groß. Die ersten Jahre zog sie meinen Vater wie ein Mädchen an. Auf den frühesten Fotos als Baby trägt er Röckchen und hat lange Haare mit bunten Schleifen. Im Sommer wenn es draußen warm war, ließ sie ihn im Garten allein spielen und band ihn mit einem Fuß an einen längere Schnur die an einem Pflock mitten in der Wiese befestigt war. Marie erzählte es einmal meiner anderen Großmutter Thérèse, die darüber völlig außer sich war. Diese sagte später immer, Marie hätte meinen Vater wie eine Ziege im Garten gehalten.

Der Großvater Camille war ein Arbeiter bei der französischen Bahn der sich über all die Jahre hinweg hochgearbeitet hatte, und er arbeitete in der obersten Verwaltung. Er war streng, sehr streng, und Vater wurde oft und viel verdroschen.Eine Erziehungsmaßnahme die er später auch bei mir anwendete. Doch war er der einzige Halt in seinem Leben, denn Großmutter konnte nichts mit ihm anfangen. Mit 12 Jahren wurde er ins Internat abgeschoben was in gewisser Weise seine Rettung war. Dort kümmerte man sich wenigstens um ihn.

Doch dann brach der zweite Weltkrieg aus. Er musste zurück nach hause. Am Ende des Krieges verstarb Großvater Camille und Marie stand plötzlich alleine da. Er konnte nicht mehr zurück ins Internat da die nötigen Mittel dafür nicht mehr vorhanden waren. Also wurde er von Marie losgeschickt um sich Arbeit zu suchen. Er begann als einfacher Handlanger und machte später den LKW Führerschein um dann mit schwerem Gerät durch ganz Frankreich zu fahren. Damals wurde noch in Frankreich nach Erdöl gebohrt und er fuhr die Bohrtürme an Ort und Stelle.

Das war das erste Mal dass er sich aus allem befreien konnte. Er schwärmte oft von diesen Jahren als LKW Fahrer und heute tut es mir leid dass ich nicht mehr zugehört habe, wenn er davon erzählte. Ich erinnere mich nur bruchstückhaft daran. Ich weiß dass er einen Kollegen hatte, der später im Jägertal ein kleines Hotel übernahm in dem wir einmal Urlaub machten. Ich berichtete im August davon.

Wer die Geschichte meiner Großmutter Marie gelesen hat, weiß wie es dazu kam dass mein Vater in Luxemburg landete und meine Mutter kennenlernte. Mutter war Krankenpflegerin in einem Kranken-und Altersheim, in dem meine Urgroßmutter bzw. seine Großmutter untergebracht war. Vater besuchte sie dort ab und an.

Als meine Mutter ihn zu hause vorstellte, stand er da mit zerrissener Hose und Hemd, was Großmutter Thérèse ein gewaltiger Dorn im Auge war. Damals hatte sie bereits das Konfektionsgeschäft und sie kleidete meinen Vater von oben bis unten neu ein. Irgendwie erfuhr mein Vater da zum ersten Mal was es bedeutet eine Familie zu haben die sich kümmert und für dich da ist.

Meine Eltern fanden beide dann eine Stelle in der neu eröffneten Nylon Fabrik in der ‚alten Heimat‘. Sie als Krankenschwester in der Sanitätstation, er als Wächter am Eingangstor. Es war 1965.

Da die U.S. Firma nach amerikanischem Modell aufgebaut war, die sich weitaus mehr um die Angestellten kümmerte als es in anderen luxemburgischen Großbetrieben der Fall war, gaben sie meinem Vater die Chance eine interne Ausbildung als Chemiker zu machen. Er nahm an und wurde Chemiker der die verschiedenen Nylonproben auf ihre Qualität untersuchte. Es war zudem an der Entwicklung neuer Stoffe beteiligt.

Noch im gleichen Jahr mieteten sie gemeinsam eine Wohnung in der ‚alten Heimat‘ und 1966 kam ich zur Welt.

Die Nylon Fabrik hatte damals von der Gemeinde ein riesiges Areal gekauft. Ein Teilstück davon  wurde mit einem Bauperimeter für Privathäuser und Wohnungen belegt. Dieses Areal wurde in einzelne Parzellen aufgeteilt und an die Arbeiter der Fabrik zu sehr günstigen Preisen weiterverkauft. Meine Eltern kauften sich ein solche Parzelle, auf der sie ein Haus bauten. 1970 zogen wir ein.

Ich kann nicht viele Einzelheiten von der Zeit erzählen, außer dass es wahrscheinlich die glücklichsten Jahre meines Vaters waren. Er war gefordert, konnte sich beweisen und es war eine Aufbruch- und Aufbaustimmung, wie es sie nie wieder danach gab. Es waren die Jahre in denen meine Eltern ihre Liebe für Korsika entdeckten, weil die Hochzeitsreise sie dorthin geführt hatte. Ich sollte noch viele Sommer dort verbringen…

***

Machen wir uns nichts vor. In einer Fabrik zu arbeiten, heißt Schichtdienst schieben. Die Wochen in denen mein Vater Nachtschicht hatte, waren schlimm. Wir mussten uns alle ruhig verhalten, denn er durfte ja nicht geweckt werden. Er schlief meistens bis in den Nachmittag hinein. Danach war er grantig.  Ein Satzkombi die es zu der Zeit, sehr oft zu hören gab, war:
-„Papa?“
-„Lass mich in Ruhe!“

Jetzt im Nachhinein verstehe ich es. Doch er konnte insgesamt nicht gut mit Kindern, weder mit mir oder meinem Bruder, noch mit anderen Kindern. Er kannte es ja selbst nicht anders.

Kinder spielen Streiche, toben rum, sind manchmal laut, und ab und an geht auch etwas zu Bruch oder kaputt. Die ultimative Waffe unserer Mutter war mein Vater. „Warte nur bis er nach Hause kommt!“ Und er schlug zu. Blaue und rote Striemen am Hintern vom Lederriemen waren nichts ungewöhnliches. Ohrfeigen, so fest, dass ich quer durchs Wohnzimmer taumelte auch nicht. Ganz schlimm waren die Tage an denen ich zur Strafe in mein Zimmer geschickt wurde, und Vater spät Abends nach der Schicht mich aus dem Bett zerrte und noch einmal verdrosch.
Es gab Wochen in denen ich mich schon als kleiner Knirps, fragte wann es denn endlich mal einen Tag geben würde an dem ich nicht weinen müsste.

Andererseits war Vater wie ein Kind. Sein Hobby war seine Modelleisenbahn. Keiner nicht einmal meine Mutter durfte sie anfassen. Er begründete dass immer damit, dass er als Kind nicht spielen durfte und eben jetzt seinen Spieltrieb auslebte. Insgesamt bastelte er gerne und werkelte am Haus herum. Es trieb meine Mutter jedoch bisweilen auf die Palme, den er fing tausend Sachen an, brachte aber nie etwas zum Abschluss.

Er gab dem Krieg und dem frühen Tod seines Vaters die Schuld, dass er nie einen anständigen Beruf erlernt hatte. Das wurde ihm 1979 zum Verhängnis. Die Nylonfabrik stellte die Produktion ein und die interne Ausbildung als Chemiker wurde in Luxemburg nicht anerkannt. Er fand eine Stelle bei einer Sicherheitsfirma als Wächter. Diese Firma wurde beauftragt die alten Gebäude der Nylonfabrik zu überwachen. Dort drehte er Tag und Nacht seine Runden über ein Gelände das einsam und verlassen war, jedoch ein Stück seine Geschichte, das aber zusehends verrottete.

Es war auch die Zeit in der zwischen ihm und mir gar nicht mehr funktionierte. Die Lösung dafür war simpel. Ich wurde in ein Internat verfrachtet. Es war eine Drohung die er immer wieder aussprach, bis sie Realität wurde. Doch Mutter hat auch noch ein Wörtchen mitzureden. Vater wollte unbedingt dass ich das Internat komme, in dem auch er gewesen war. Mutter besuchte mit mir das Institut St.Joseph, (das heute Collège Matzenheim heißt). Ich habe noch ganz vage Erinnerungen daran, dass es ein uralter Bau war, in dem die Pater das Regiment führten. Mutter wollte die Schlafsäle sehen, was man ihr aber nicht erlaubte. Das machte sie stutzig und somit war das Internat vom Tisch. Ich kam ins Don Bosco in Luxemburg.

Ab da wurde das Verhältnis zu meinem Vater besser, weil wir uns nur noch an den Wochenenden sahen. Die ewigen Streitereien und Auseinandersetzungen hörten auf. Ich war ja nur noch zu Besuch da. Aber wir hatten uns nichts zu erzählen. Es beschränkte sich auf’s Begrüßen und Auf Wiedersehen sagen. Ich machte auch nicht den geringsten Versuch es anders zu gestalten, denn es klappte einfach nicht. Wir lebten in zwei völlig verschiedenen Welten und keiner von uns beiden machte auch nur den Versuch die Welt des anderen zu verstehen.

Vater wurde krank. Die erste OP war die Entfernung der Gallenblase. Wir sind in den 80ern und es gab noch keine Mikrochirurgie. Dann kam die erste tiefe Depression mit der in die Neuropsychiatrie eingeliefert wurde. Wir sind noch immer in den 80ern und er wurde Eimerweise mit Psychopharmaka vollgepumpt, anstatt nach den Ursachen zu suchen. Es ging ein paar Jahre gut bis die zweite Depression, heftiger als die erste kam. Wir sind immer noch in den 80ern und der Neurologe setzte wieder voll auf Psychopharmaka. Es hatte ja schließlich beim ersten mal auch gut geklappt.

Warum kam keiner auf die Idee ihm eine psychologische Therapie anzubieten? Oder hatte er sie hatte abgelehnt?

Ich hatte derweil meine Lehre als Friseur begonnen, war nicht mehr im Internat und jeden Tag zuhause. Es kam wie es kommen musste. Vater und ich stritten uns, ein Wort gab das andere, bis wieder die ultimative Drohung ausgesprochen wurde. „Du musst dich nicht wundern, wenn eines Tages deine Koffer vor der Tür stehen.“ Doch kam ich ihm dieses Mal zuvor. „Du musst dich nicht bemühen, nächsten Monat ziehe ich sowieso aus“, entgegnete ich eiskalt. „Umso besser!“ war seine Antwort. Ich war 19.

In der Nacht hörte ich meine Mutter im Bett weinen.

Ich zog mit einer Freundin in eine WG und versuchte so gut es ging von alles von meinem Anfangsgehalt aus der Lehre zu finanzieren. Ich verdiente ganze 6600.- Francs pro Monat. (165€) das war damals schon sehr wenig und reichte hinten und vorne nicht. Doch von zuhaue wollte ich keinen Heller.

Ab da beschränkte sich unsere Kommunikation nur noch auf Hallo und Tschüss.

Vater wurde nach der zweiten Depression krankheitshalber in Rente geschickt. Doch sollte er diese nicht lange genießen können. Nach den zwei überstandenen Depressionen folgte dann der Gehirntumor.

Ich werde den ganzen Krankheitsverlauf nicht beschreiben. Ich war ja zu der Zeit nicht mehr zu hause und kenne das alles nur vom Hörensagen. Vater viel eines Tages im Februar ’88 einfach um und hatte etwas wie einen epileptischen Anfall. Als er wieder zu sich kam war sein Sprachzentrum gestört und man konnte nur noch raten war er sagen wollte. Bis Oktober 1988 schnitt man ihm drei mal die Schädeldecke auf und er wurde anschließend bestrahlt.

Anfang September 1988 hatte ich eine Reise nach Cannes in Frankreich geplant. Ich war gerade mit meiner Lehre fertig geworden und hatte mir insgeheim vorgenommen mir dort eine Arbeit zu suchen und nicht mehr zurück zu kommen. Ich wollte raus aus Luxemburg. Am Tag vor meiner Abreise fuhr ich zu meinem Elternhaus um Lebewohl zusagen.

Vater saß am Tisch wie ein kleines in sich zusammen gesunkenes Häufchen Elend. Als ich ihm Aufwiedesehen sagte, hatte er Tränen in den Augen. Er drückte mich ganz fest. „…Ppass…auf…dich!“ sagte mit unterdrückter Stimme. „Werd ich machen.“ sagt ich leise und strich ihm über dem Kopf. Es war eine Szene mich sehr verstörte.  Er musste da schon gewusst haben dass er mich nie wiedersehen würde, denn drei Wochen später verstarb er.

Was ich erst im Nachhinein erfahren habe war, dass meine Mutter zu dem Zeitpunkt schon lange wusste dass mit ihm zu Ende gehen würde, es aber niemandem erzählt hatte. Ich habe es ihr lange zum Vorwurf gemacht, denn sonst wäre ich wahrscheinlich geblieben.

Letztendlich ist er für mich immer ein großes Rätsel gewesen, das ich nie so ganz begriffen habe. Aber eines weiß ich mit Sicherheit. Er hat meine Mutter abgöttisch geliebt. Wenn er ihr Geschenke machte, zählte kein Preis und keine roten Zahlen auf dem Konto.

Den Tag des Begräbnisses könnt ihr bei Großmutter Marie nachlesen.

Wenn ich anfangs sagte dass es keine Emotionen mehr in mir weckt dann stimmt das nicht ganz. Ich habe volle drei Tage gebraucht um diesen Text zu schreiben.

Nachtrag: Ich hatte schon mal vor zwei Jahren angefangen etwas über ihn zu schreiben aber in in dieser Ausführlichkeit. Es war am Vatertag.

† Johnny Hallyday †

© Wikipedia

Es fing damit an an dass ich gestern morgen auf dem Weg ins benachbarte Ausland Radio hörte, und erfuhr dass Johnny Hallyday gestorben ist. In Frankreich wurde es ein nationaler Trauertag. Meine Mutter war heimlich verknallt in ihn. Und meinem Vater war es nur recht denn er, als Franzose, mochte ihn genau so. Er war das Idol einer ganzen Nation, aber irgendwie fühlte er sich nie unerreichbar an, im Gegenteil, er fühlte sich an wie ein Kumpel, dem man auf Augenhöhe begegnen konnte, wenn man ihm denn einmal begegnen würde. Ich weiß noch dass ich vor etlichen Jahren an einem Film arbeitete, in der wir in einer Szene einen Johnny Hallyday Imitator hatten. Seltsamerweise stelle sich bei ihm genau das gleich Gefühl ein. Johnny war ein Rockstar, vermittelte aber nie dieses Unerreichbare, das man von anderen Stars kennt. Er sang länger als ich alt bin und war Phänomen, das es so nicht noch einmal geben wird.

Ich mochte seine Balladen sehr. Ein Lied schwirrte mir dabei den ganzen Tag durch den Kopf. Quelque chose de Tennessee

Und wer ein ganzes Konzert von ihm sehen mag, auf YouTube fand ich eines seiner letzten Konzerte vom 16. März 2016 in voller Länge. Er war mit seinen damals 73 Jahren immer noch sehr fit und hatte immer noch diese Powerstimme.  Adieu, Johnny.

Kennt noch jemand Michel Oliver?

Er war der Lieblings Fernsehkoch meiner Mutter Anfang der 80er. Als ich vor kurzem über alte französische Kochsendungen berichtete, erwähnte ich in den Kommentaren auch Michel Oliver. Meine Mutter hatte von ihm die weltbeste Béarnaise und die weltbesten Waffeln. Beim Ausräumen des Hauses meiner Eltern fand ich die Niederschrift meiner Mutter nicht wieder. Also machte ich mich auf die Suche nach einem Kochbuch von Oliver. Und siehe da:

Bei Amazon.fr wurde ich fündig! Und beide Rezepte sind drin!!!! Wenn sie demnächst zum Einsatz kommen gibt es Bilder und das Rezept, versprochen! (Ich sollte mir vielleicht ein Waffeleisen zulegen…)

In folgendem Video bereitet Oliver eine Neujahrs „Glückstorte“ zu, die unglaublich mächtig und für Anfang der 80er Jahre ungewöhnlich hoch  ist.

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