Moment mal…

Heute:
Geschwister

Dies wird wahrscheinlich der persönlichste „Moment mal…“ Beitrag die ich je schreiben werde. Eben dachte ich noch darüber nach, ob ich damit nicht zu weit gehe… Mag sein, aber das was nun folgen wird, ist der Grund warum ich heute das bin, was ich bin, und wo ich stehe. Und wenn es jemandem helfen mag seinen eigenen Weg zu finden…bitte schön…nichts würde mich glücklicher machen.

Auslöser dieses Postings sind zwei Begebenheiten. Ich habe mir gestern das neue Album von Coldplay „Viva la Vida“ gekauft. Als ich es mir gestern Nachmittag anhörte lief mir ein wohliger Schauer nach dem andern über den Rücken. Endlich Musik zum anhören zum mitfühlen und mitsingen. Vor allem das Lied Viva la Vida selbst habe ich bestimmt zwanzig mal rauf und runter gehört und kann es bald mitsingen.
Der andere Auslöser war ein Gespräch mit jemandem den ich bis dato nur flüchtig kannte. Er war dieses Jahr an Sylvester mit dabei und eigentlich kennen wir uns schon recht lange, aber nur oberflächlich. Ich musste mir, bis gestern, immer wieder heimlich hinter seinem Rücken seinen Vornamen bei anderen nachfragen, weil ich ihn immer wieder vergaß… Das Gespräch ging (wahrscheinlich auch wegen den Drinks die dabei flossen) in eine Richtung, die persönlicher nicht sein könnte. Als ich heute Morgen aufwachte und darüber nachdachte, war mir klar dass ich darüber schreiben muss.

Wer mein Blog schon lange verfolgt, weiß vielleicht dass ich kein Einzelkind bin sondern einen Bruder hatte. Gilles.
Er kam vier Jahre nach mir auf die Welt. Gilles und ich waren so grundverschieden wie Tag und Nacht. Während ich verhältnismäßig ruhig war, war Gilles ein Rabauke. Meiner Mutter sagte immer er ist unser kleiner Stuntman. Ich erinnere mich dass er eine Actionfigur von Evel Knievel zu Nikolaus geschenkt bekam, die man auf ein Motorrad setzen konnte und über eine Rampe jagen konnte damit sie über Matchboxautos flog. Wenn wir Indianer und Cowboy spielten, war Gilles immer der Cowboy der mit den Plastikcolts rumhantierte. Es war eine Zeit in der man die Kinder noch achtlos auf die Straße schicken konnte. Da wir etwas außerhalb der Stadt wohnten, fuhren wir jeden Tag mit dem Bus zur Schule. Im ersten Kindergartenjahr, war er eines Mittags nach der Schule nicht im Bus. Er machte sich auf die Wanderschaft in Echternach. Meine Eltern wurden fast wahnsinnig vor Sorge. Mein Vater saß schon im Wagen um ganz Echternach abzufahren, als die Polizei plötzlich vor unserer Haustür hielt und ein quietschvergnügter Gilles ausstieg. Der Polizist erklärte uns dass er beim Gebäude in dem sich damals das Polizeibüro befand, auf die Klingel gedrückt hatte und als die ihm aufmachten, er den verdutzten Polizisten fragte ob er ihn nach hause fahren könnte. Gilles wusste weder wo er geklingelt hatte noch bei wem. Er war grade mal vier Jahre alt…
Meine Mutter sollte recht behalten was den Stuntman betraf, er hatte als kleiner Steppke schon mehrfach Gipsverbände. Es war mindestens ein gebrochener Arm und ein gebrochener Fuß dabei.

In den Jugendjahren waren sahen wir uns weniger da ich 3 Jahre lang im Internat war und ih nur an den Wochenenden sah oder in den Ferien. Die meisten werden glauben, dass das Inernat für mich wie eine Strafe gewesen sein muss. Keineswegs. Es war für mich damals wie ein Befreiung, da ich endlich von zuhause weg war und nicht permanent unter elterlicher Aufsicht. In der Zeit veränderte sich Gilles sehr und als ich später wieder in Echternach zur Schule ging, waren wir uns sehr fremd geworden. Das änderte sich aber als ich meine ersten Gehversuche auf der Bühne machte und der Pantomimetruppe der Schule beitrat. Gilles folgte im Jahr darauf und war zuständig für die Beleuchtung. Als ich dann später mit der Friseurlehre anfing zog ich wenige Monate später von zuhause aus und wir sahen uns kaum noch.
Von da an veränderte Gilles völlig. Er glich immer mehr einem Rocker, hörte Musik von AC/DC und Skorpions und entwickelte sich zum absoluten Motorradfreak. Ich hingegen wurde ein Partytiger der fast jede Nacht unterwegs war von einem Club zum nächsten. Ich sah aus wie frisch von einem pariser Modesteg mit Grace Jones Haarschnitt und teuren Klamotten, Gilles sah aus wie frisch aus der Mülltonne.
Dann kam die Zeit in der er ziemlich weit abrutschte und in Kreise geriet in sich immer sehr nahe am Rande der Legalität aufhielten. Mehr möchte zu dieser Zeit nicht sagen. Es war nicht leicht, für keinen von uns, am aller wenigsten für ihn. Doch er fing sich wieder, machte seinen Schulabschluss in Abendkursen fertig und bekam anschließend eine Stelle bei der Post. Es schien im ziemlich gut zu gehen. Es war die Zeit in der ich insgeheim hoffte dass er irgendwann mal heiraten und Kinder bekommen würde, denn ich hatte für mich bereits entschlossen dass ich dafür nicht geeignet bin. Wir waren noch immer sehr verschieden voneinander, doch wussten wir beide, die Themen elegant zu umgehen in denen wir uns nicht einig waren. Damals merkte ich gut, dass Blut immer dicker ist als Wasser.
Ende Mai 1999 kam der Tag an den ich mich bis heute an jede einzelne Sekunde erinnere obwohl ich ihn gerne vergessen möchte. Es war ein wunderbarer Frühlingstag. Die Sonne schien klar und hell und es war keine einzige Wolke an Himmel. Meine Mutter stand plötzlich in der Tür, zitterte am ganzen Leib und schrie mich fast wie von Sinnen an: Gilles ist tot!
Von da an flossen die Sekunden, die Minuten wie zäher Brei an mir vorbei. Es zerbrach etwas in mir… Ich erspare euch und vor allem mir die Details dieses Tages, weil ich sie nicht noch einmal durchleben möchte indem ich sie hier aufschreibe. Gilles hatte am Abend zuvor einen Motorradunfall und verstarb in der Nacht im Krankenhaus….
Der Tag der Beerdigung war einer der schlimmsten Tage in meinem Leben. Es waren unglaublich viele Freunde von Gilles da, die ich zu einem Teil nicht kannte oder nur vom hörensagen. Was mir nach seinem Tod bewusst wurde und mich sehr schmerzte, war die Tatsache wie wenig ich ihn eigentlich gekannt habe. Ich wurde einige Tage später von seinen Freunden eingeladen zu einem Abendessen das zu seinem Gedenken stattfand. Ich hatte einen kleinen Rekorder mitgenommen um die Geschichten von ihm aufzuzeichnen die ich nicht kannte. Die anderen Seiten von seinem Leben zu erfahren, die mir fremd waren. Wenn ich heute darüber nachdenke waren es klägliche Versuche etwas einen Teil von ihm auferstehen zu lassen, weil es nicht fair war dass er so plötzlich und so früh gegangen war.

Aber nichts ist im Leben so schlecht dass es nicht für etwas gut ist. Ich selbst war damals an einem Punkt in meinem Leben angelangt an dem ich etwas ändern musste. Und stellte mir die Frage, wenn ich an Gilles‘ Stelle gewesen wäre, könnte ich dann auf mein Leben zurückblicken und sagen, dass ich das aus meinem Leben gemacht habe was ich immer wollte? Nein! Und ab da fing ich beruflich wieder bei Null an. Ich habe seitdem nie wieder als Friseur im Salon gearbeitet. Es kamen ein paar sehr harte Jahre in denen oft keinen Heller in der Tasche hatte. Doch ich habe meine Entscheidung nie bereut.

Als ich mit diesem Beitrag begann (denn ich habe 2 volle Tage dafür gebraucht) durchstöberte ich meinen CD Schrank weil ich etwas suchte. Dabei vielen mir eine Reihe von Gilles‘ CD’s in die Hand von Metallica, AC/DC, Black Sabbath und andere. Ich hatte mir schon oft vorgenommen sie auszusortieren und zu entsorgen, da ich sie mir eh nie anhören werde. Der Stapel liegt seitdem hier. Aber wegwerfen kann ich sie nicht…

Aber hey! Was war noch gleich der Auslöser? Das Album Viva la Vida? Genau.
VIVA LA VIDA!!!

0 thoughts on “Moment mal…

  1. Ich glaube, es ist ein Text den man an sich unkommentiert stehen lassen sollte. Da ich aber weiss, wie wichtig es sein kann zu wissen, dass jemand einen Text gelesen hat, will ich dir hier nur eine Lesebestätigung (blödes Wort, aber mir fällt kein besseres ein) hinterlassen und dir sagen, dass mich der Text sehr bewegt hat.

    [Bei „Viva La Vida“ handelt es sich übrigens um ein interessantes Bild von Frida Kahlo.]

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