Fressen, Kunst und Puderquaste

St.Jean: Ein paar Gedanken zu einem Tweet

Heute möchte ich über ein paar Dinge schreiben, die mir auf den Senkel gehen, die ich hier nicht immer ausblenden kann, obwohl ich darin inzwischen wirklich ein Meister der Kunst bin.

St.Jean im August ist rappelvoll, und der Hauptgrund warum die D. nicht hier ist. Ich komme bis jetzt ganz gut damit klar weil ich das, je nach Gemütszustand, mal besser mal schlechter ausblenden kann. Was mir aber besonders schwer fällt sind schreiende und quengelnde Kleinkinder. Puh! Und davon gibt es hier mehr als erwartet. Kinder mit Wutanfällen, die um sich schlagen, weil sie nicht das bekommen was sie wollen, Kinder eine schier unerschöpfliche Schreienergie besitzen als ob die Batterie nie leer werden würde. Noch schlimmer sind Eltern, die dann in aller Öffentlichkeit ihre Brut “erziehen”. Wenn es in Restaurants stattfindet, ist es für mich, und ich denke für viele Gäste um mich herum auch, eine Zerreißprobe für die Nerven, weil ich dann nicht sofort dem Umstand entfliehen kann. Ich will und kann keine Einzelbeispiele aufführen, ihr kennt sie alle in allen erdenklichen Variationen und es gab noch keinen Tag an dem ich es nicht erlebte. Es würde ein Endlosposting werden.

In diesem Zusammenhang (der mir jetzt erst auffiel) schrieb die Kaltmamsell vor kurzem folgenden Tweet:

Verdacht: Manchmal passen Kinder (also ihre Persönlichkeiten) und ihre Eltern (samt deren Erziehungsideale) besser zusammen, manchmal weniger gut. Viel Glückssache.

Kaltmamsell

Darunter entwickelte sich in den Drukos eine interessante Diskussion die ich hier nicht ganz ausführen möchte, weil sie in sehr verschiedene Richtungen gingen. Aber ein paar Tweets möchte hier doch erwähnen damit man versteht wo das hinführen soll.

Besonders schmerzt mich, wenn Eltern diese Möglichkeit nicht einkalkulieren und dem Kind auf Teufel komm raus ihre doch wohlüberlegte und allerbeste Erziehung verpassen.

Kaltmamsell

Und genau das mache ich jetzt, mit mir als Beispiel.

Bin ich ein glücklicher Mensch?
Heute ja, aber dem war sehr sehr lange nicht so.
Kommt das von meiner Erziehung her?
Darüber habe ich lange nachgedacht und komme zu dem Schluss dass es in größten Teilen so ist.

Meine Eltern hatten beide sehr verschiedene Ansichten was die Erziehung angeht. Wenn es nach meinem Vater gegangen wäre, wäre sie ultrakonservativ gewesen und ich hätte jeden Morgen aus dem Bett springen müssen um zu salutieren. Es wäre wie Militär gewesen. Interessant ist, dass er keinen Militärdienst gemacht hat, obwohl er ihn gerne gemacht hätte. Aber er wurde aus Gesundheitsgründen abgelehnt. Mein Vater konnte insgesamt nicht gut mit Kindern und war froh, wenn er sich nicht um mich oder meinen Bruder kümmern musste.
Meine Mutter hingegen war offener und ließ mir und meinem Bruder mehr Freiheiten, aber die auch erst, nach endlosen Diskussionen und Streitereien mit meinem Vater. Sie machte es mir sehr viel später, als meine Vater schon lange gestorben war, zum Vorwurf, dass wir der einzige Grund gewesen waren, wenn zwischen ihr und Vater Streit ausbrach. Er wurde dann auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit in einer Diskussion platziert, bis ich einmal konterte, warum sie uns nicht weggegeben hat? Das wäre doch DIE Lösung gewesen, denn hätte sie in Frieden ihre Ehe weiterführen können. Sie fasste es als Affront auf und war beleidigt. Erst sehr viel später verstand sie, dass sie uns mit einer Schuld belastete die sich wie die biblische Erbsünde anfühlte. Wir hatten ja nicht darum gebeten geboren zu werden.

Zurückblickend musste ich mir jede einzelne Freiheit erkämpfen, was mein Bruder nicht zu tun brauchte, denn ich hatte ja vor ihm, bildlich gesehen, mit der Machete einen Weg durch das Dickicht an Verboten freigeschlagen und er durfte alles viel früher als ich. Das ist in anderen Familien aber nicht anders und nun einmal das Los des Erstgeborenen.

Wie heftig es zwischen mir und meinen Vater zuging, möchte ich nicht noch einmal schreiben. Das habe ich schon einmal getan. Aber es war das Resultat, dass ich sehr früh von daheim auszog, und nicht sehr viel später hörte seine Handhabe über mich ganz auf, denn er verstarb sehr früh.

Was ich selten erzähle ist, dass sein Tod für mich wie ein Berfreiungsschalg war. Er hätte meine Homosexualität nie akzeptiert und mich wahrscheinlich eher totgeschlagen, als so etwas in der Familie zu haben. Aber auch hier gab es im Laufe der Geschichte so viele kleine Dinge, dass ich annehme dass er selbst auch eine, wenn auch komplett unterdrückte, schwule Seite hatte. Es gan viele winzige Begebenheiten, an denen ich das festmachen kann, die für sich allein genommen das nicht abbilden aber erst in ihrer Summe das Bild ergeben. Ich schweife ab…

Was mich sehr in der Erziehung prägte, war beruflichen Erfolg zu haben. Von der mütterlichen Seite her waren alle selbstständig. Meine Mutter war mit ihrem Beruf als angestellte Krankenpflegerin die große Ausnahme. Großvater hatte seine eigene Bäckerei, sein Bruder ein Umzugsunternehmen, Großmutter hat nach dem Tod des Großvaters ein Bekleidungsgeschäft, ihr Bruder hatte eine Schreinerei. Als ich den Friseurladen eröffnete, wurde das von allen Seiten mehr als begrüßt und gutgeheißen. Dass es für mich eine Flucht nach vorne war und zusätzlich in die falsche Richtung, gestand ich mir erst ein, als es zu spät war und eine gewaltige Bauchlandung damit machte.

Die Familie meines Vaters war sehr klein und beruflich war da nicht viel. Großvater war ein hoher Angestellter bei der Bahn. Die Einzige von der ich eine Eigenschaft geerbt habe, ist die Großmutter väterlicherseits und ihre große Liebe zur Kunst und Malerei.

Und dann gab es noch den plötzlich Unfalltod meines Bruders, der meine eigene Existenz so sehr in Frage stellte, dass ich alles über Haufen schmiss und nochmal von vorn anfing.

Heute bin ich freischaffender Maskenbildner, arbeite aber auch vor der Kamera und versuche mich als Schriftsteller.

Ich weiß nicht ob ich damit die Frage beantwortet habe, ob eine schiefgelaufene Erziehung mich zu dem glücklichen Menschen gemacht hat, der ich heute bin. Aber die schlechten Erfahrungen sind,und davon bin ich überzeugt, mein heutiger Erfolg.

14 Kommentare

  1. Ann

    “Aber auch hier gab es im Laufe der Geschichte so viele kleine Dinge, dass ich annehme dass selbst auch eine, wenn auch komplett unterdrückte schwule Seite hatte.”

    Falls es für Sie nicht zu privat ist und da Ihr Vater schon lange verstorben ist, wage ich die Frage: Mögen Sie eventuell etwas zu den vielen kleinen Dingen schreiben?

    • Joël

      Nein. Denn es sind Vermutungen meinerseits,die ich nicht beweisen kann, und die zum Teil noch lebende Personen miteinbeziehen.

  2. Ann

    Verständlich.

    Bitte löschen Sie gern meinen Kommentar.

    Sonnige Grüße ans Meer!

  3. Hans-Georg

    Ich habe von 2 Restaurants hier in D gehört, die keine Gäste mit Kindern bis zu einem Alter von X haben möchten, was durchaus verständlich ist.

  4. Joël

    Ich kenne das mehr von Hotels als von Restaurants. Aber das ist auch nicht die Lösung des Problems. Es sind die Eltern.

  5. Katharina

    Es ist doch traurig wie wenig Verständnis für Kinder und Eltern aufgebracht wird. Meistens sind es doch KLEINE Kinder, die weinen oder wütend sind. Kleine Kinder, die vielleicht überfordert, müde etc. sind. Oftmals können Kinder in dem Alter ihre Emotionen schlecht selbst regulieren. Und für die Eltern könnte man ja auch einfach mal Verständnis signalisieren. Die haben es auch nicht gerade einfach, und wollen bestimmt auch nicht auffallen in Restaurants….
    Am schlimmsten ist es meiner Meinung nach aber, sie nicht in Restaurants zu lassen. Vielleicht kann man Beschäftigungsmaterialen anbieten um Wartezeiten zu überbrücken, Malsachen, leises Spielzeug? Aber sie zu separieren halte ich für falsch. Familien und Kinder gehören dazu und die können eben auch mal lauter sein. Isso.

    • Hans-Georg

      Wenn die Eltern nicht so egoistisch wären, ihren Urlaub so zu verbringen, wie sie es selbst gern wollen, wären schon viele Probleme gelöst. Das sage ich als Vater.

  6. Katharina

    Und btw. über die Kinder anderer Menschen als “Brut” zu sprechen zeugt auch schon von einer abwertenden Haltung. Sehr schade finde ich das.

    • Joël

      Hier geht es nicht um den einen oder anderen kleinen Ausraster, hier geht es um die Menge. Wenn ich hier am Tag, sagen wir drei bis vier Stunden unterwegs bin, erlebe ich das nicht ein oder zwei mal, sondern mindestens 30-40 mal und das ist keine Übertreibung.

      Ich hatte lange überlegt ob ich das Wort Brut auswechsele, als ich noch am Posting schrieb. Ich habe es dann doch stehen lassen und Erziehen zwischen Gänsefüßchen gesetzt, um nicht schreiben zu müssen, dass die Erziehungsmaßnahme, in diesem Fall, schallende Ohrfeigen waren, mitten im Restaurant. Damit deklinieren für mich die Eltern ihre Kinder zur schlichten Brut herunter und behandeln sie auch als solche und nicht als menschliche Wesen. Da kann ich bei aller Nachsicht KEIN Verständnis für die Eltern aufbringen.

  7. Mary

    Ech sinn erstaunt, wéi ähnlech eis Kandheet a Jugend a verschiddene Punkten verlaaf wor. Ka mech a villen Texter aus déngem Blog, ëmmer nees erëmfannen. Faszinéierend! 😉

    • Joël

      Et gëtt héich Zäit dass mir mol erëm zesummen iesse ginn.

      • Mary

        Du sees et! 😉

  8. Trulla

    Als Mutter und Großmutter gebe ich Ihnen recht: das Problem sind die Eltern!

    Mit meinen Kindern konnten wir überall hingehen und es waren keine “dressierten Affen”. Immerhin einigermaßen antiautoritär gepolt (Jahrgänge 70er bis 80er), was später dazu verhalf, in der Schule als Klassen- oder Schulsprecher anerkannt zu werden . Von beiden Seiten übrigens, weil immer sachorientiert.
    Meinen Söhnen war immer klar, dass bestimmte Regeln einzuhalten waren. Den Kellner*innen um die Beine laufen, rumkrakeelen? Nicht mit uns Eltern, wir wären konsequent gegangen.
    Zu Hause und untereinander ging es durchaus lebhaft zu, Türen wurden geknallt, dass es eine Lust war, sich geprügelt wurde aber nie!

    Leider erlebe ich bei einem Enkelkind heute andere Verhaltensweisen, gegen die ich in Anwesenheit der Eltern (eine Auseinandersetzung vor den Kindern?) machtlos bin. Deshalb wäre ich sogar froh, wenn einmal ein Gastwirt sich trauen würde, das Kind direkt anzusprechen. Wie heißt es so schön “zur Erziehung eines Kindes gehört ein ganzes Dorf”!

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