Fressen, Kunst und Puderquaste

Mischa der Fall

Ich war gestern Abend, in der leider letzten Vorstellung von „Mischa Der Fall

[… In der Nacht auf den 1. August 2002 wurden innerhalb einer Stunde in Bern zwei junge Frauen niedergestochen. Das erste Opfer, eine 23-jährige Studentin, überlebt schwer verletzt, das zweite Opfer, eine 20-jährige Maturandin, stirbt an den Stichwunden. Mischa Ebner, der Täter, war Schweizer – mit einem bürgerlichen Beruf, einer Freundin und beachtlichem Erfolg in der traditionellen Sportart des Waffenlaufs. Niemand in seinem Umfeld vermutete in dem freundlichen und angepassten jungen Mann einen Mörder. Die Taten an den beiden jungen Frauen begeht er in seinen Ferien. Kurz darauf startet er an zwei Leichtathletikmeetings. Der 27-jährige Ebner, der nach seiner Festnahme gestand, gab im Laufe der Untersuchungen bis zu 30 weitere Delikte zu. Mischa Ebner nahm sich in der Untersuchungshaft das Leben.

Was macht den Menschen zum Täter? Wird er so geboren oder erst im Laufe seines Lebens dazu gebracht? Empfindet er Lust am Quälen und Morden? Ist es ein zwanghaftes Verhalten? Wie frei ist der Mensch, über sich selbst zu entscheiden? Wer kontrolliert ihn, wenn er selbst jede Kontrolle verliert? Das Projekt MISCHAderFALL der beiden Künstler Bernard Baumgarten und Claude Mangen setzt mithilfe von Theater, Tanz, Musik und Videoinstallationen einzelne dieser Fragen künstlerisch um… ]

Soviel zur Erklärung des Stückes die man im Programmheft mit auf den Weg bekommt.

Man begibt sich als Zuschauer in diesem Stück auf eine emotionsgeladene Wanderreise, die im Merscher Kulturhaus im großen Saal anfängt, weiterführt in die Katakomben des Gebäudes, zum Heizungskeller und in die Duschräume des Merscher Fußballclubs. Weiter geht es im Bus zur Neuropsychiatrischen Klinik nach Ettelbrück um anschließend in CapE in Ettelbrück im großen Saal zu enden.
Es ist kein Theaterstück an sich sondern eine Aneinanderreihung von Bildern die im Zuschauer Emotionen hervorrufen. Dabei wird keine sogenannte negative Emotion weggelassen. Angst, Einschüchterung, Trauer, Wut, sich ertappt fühlen, Machtlosigkeit, Feigheit, Beklemmungen die einem fast den Atem nehmen. Es gab einen Moment im gut gefüllten Bus, als wir nach Ettelbrück fuhren, in dem Nora König eine glänzend dargestellte Panikkriese bekommt, durch den Mittelgang rennt, die Zuschauer um Hilfe anschreit, den Busfahrer anfleht er möge stehenbleiben, bis sie schließlich vor Angst, Wut und Raserei in den Treppen der Ausagangstür zusammenbricht, und der Fahrer sie an der nächsten Haltestelle aussteigen lässt. Als Zuschauer so nah am Geschehen dran zu sein, gibt einem das Gefühl ein dreckiger kleiner Voyeur zu sein. Ich musste mir für einen kurzen Moment selbst vorsagen, dass es ein Theaterstück ist, wenn ich mich dem hingegeben hätte, hätte ich wahrscheinlich in die Handlung eingegriffen.
Mit dem dreifachen Schluss hatte ich so meine Probleme weil er immer wieder durch eine abrupte Wiederkehr in das Geschehen einer völlig neutralen Theaterprobe unterbrochen wurde. „Danke, wir möchten aber auch nochmal den zweiten Schluss sehen. Sascha und die anderen auf die Bühne, bitte.“ Vielleicht brauchte es das auch um als zuschauer wieder in eine einigermaßen reale Welt zurückzukommen.
Schade für die die es verpasst haben.

Ein Sprichwort sagt: „Suche den Feind im Schatten deiner Hütte.“ Und so grotesk es klingt, aber die meisten Menschen, die geschlagen, betrogen, vergewaltigt, belogen und umgebracht werden, könnten uns den Namen desjenigen sagen, der es getan hat. Die Annahme zu wissen, was man jemandem zutrauen kann und was nicht, ist der grösste Irrtum und bestenfalls die Basis für Vorurteile. Dieser Irrtum ist der Nährboden, in dem die Tarnung der Falschheit zu wachsen beginnt.
Thomas Müller – Bestie Mensch

Weitere Links:
Recht brisant: Der Fall Mischa E. auf 3sat
„Wahnsinn in situ“ Kritik im lëtzeburger Land
Wikipedia

1 Kommentar

  1. Tom

    Boah! Klingt ja wirklich nach einer gelungenen Arbeit. Dass das Publikum so mit eingebunden wird find ich klasse. Bei solch einem Thema macht es das Ganze wohl „lebendiger“ und man fühlt als Zuschauer wohl eher mit. Schade dass ich es verpasst habe. 🙁

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