Fressen, Kunst und Puderquaste

Homophobie in Luxemburg

Eigentlich sollte hier die übliche Tagesberichterstattung stehen. Stattdessen mache ich heute mal etwas anderes und morgen gibt es einen Doppeltag.

Auslöser dafür war, dass ich von meinem Freund J. per FB (manchmal ist FB dann doch für was gut) auf seine Coverstroty in der Revue aufmerksam wurde. Da ich ich sowieso ein Großeinkauf nach dem Urlaub machen musste, kaufte ich die Ausgabe am Kiosk.
Leider ist der Artikel nicht online verfügbar, dafür müsste man ein Abo haben.

Für alle die das noch nicht wissen sollten, obwohl ich kein Geheimnis daraus mache, aber ich trage es nicht beständig wie eine Fahne vor mir her; ich ich bin schwul und das nicht erst seit gestern. Ich werde nicht mehr ständig mit homophoben Sprüchen konfrontiert. Ich arbeite und lebe in einem Milieu in dem das weitgehend akzeptiert ist.

Doch wer glaubt dass das in ganz Luxemburg der Fall ist, ein Land in dem vermeidlich Milch und Honig fließen und Kondome an den Bäumen wachsen, der irrt. Dass wir einen Premierminister haben, der mit einem Mann verheiratet ist und aus seiner sexuellen Orientierung keinen Hehl macht, heißt noch lange nicht, dass der Schwulenhass ausgerottet ist. In unserer Gesetzgebung wird Diskriminierung ob der Hautfarbe, ethnischer Herkunft oder sexueller Orientierung als Straftat angesehen, doch das ändert nichts daran.

Im der Revue werden mehrere Fälle beschreiben aus denen ganz klar hervorgeht dass es sie immer noch gibt. Schockierend fand ich folgenden Satz:

Wenn Begriffe wie “Schwuchtel”, “Schwuler”, “Tunte” und andere Schimpfwörter zu Alltagssprache (unter Jugendlichen) gehören….
Es wird dann der Fall eines Jugendlichen beschrieben, der kurz davor war sich das Leben zu nehmen.

Es hat sich also an den Schulen seit meiner Jugend NICHTS geändert. Denn das Beispiel zeigt genau das auf das ich auch durchgemacht habe und das war Anfang der 80er. Es werden immer noch die gleichen Höllen durchlebt wie zu meiner Zeit.

Ich wurde schon mit schwulenfeindlichen Ausdrücken gehänselt als ich 11 oder 12 Jahre alt war und ich sie noch gar nicht verstand. Aufklärungsgespräche gab es keine, weder im elterlichen Hause, noch in der Schule. Die wöchentliche Bravo sorgte dafür. Rückblickend wurde aber nur das promoviert, was der breiten Masse entsprach. Über gleichgeschlechtliche Liebe fand man dementsprechend wenig in dem Jugendblatt. Ich konnte mir nur Dinge am Anfang selbst zusammenreimen, denn offen darüber sprechen war nicht drin. Mit meinen Eltern und vor allem mit meinem erzkonservativen Vater wäre das schon gar nicht machbar gewesen. Also hatte ich irgendwann auch eine Freundin, nach dem Motto: “Maach wéi d’Leit, da geet et der wéi de Leit” Dass das nicht klappte war klar.
Sehr viel später fand ich die Zeitung “Du & Ich” dich ich dann regelmäßig kaufte, aber immer verstecken musste. Zumindest hatte ich nicht mehr das Gefühl allein auf der Welt zu sein. Irgendwo da draußen gab es noch andere.

Ich hatte gegenüber meinen Eltern oder meiner Familie nie ein offizielles Coming Out.
Irgendwann lernte ich den langjährigen Brieffreund meiner Mutter kennen, der aus Wien war und mit seinem Freund und Geschäftspartner zusammen wohnte und ein Lebensmittelgeschäft betrieb. Ich durfte sogar einmal, ich glaube da war ich 19, allein nach Wien reisen, bei ihm übernachten und er zeigte mir die Stadt und die Umgebung. Es war ganz klar, dass die beiden ein Paar waren, auch wenn sie sich nach außen nicht so benahmen. Es wurde nie zur Sprache gebracht und es war eben einfach so. Punkt. Und genau so handhabte ich meine erste Beziehung. Ich stellte den K. als ‘einen’ Freund vor und er war jetzt einfach da. Wer oder was er war, wurde von meiner Mutter (mein Vater lebte da schon nicht mehr) nie in Frage gestellt. Es hätte ja sein können, dass sie dann etwas erfahren hätte, was sie eigentlich nicht wissen wollte. So lange es nicht ausgesprochen wurde, war es auch nicht da.

Ich war immer das Überzeugung, dass mit den Jahren die Akzeptanz besser geworden wäre, dass es nicht so mehr schwer sei ein Coming Out zu haben, dass Jugendliche heute früher und besser aufgeklärt wären, als unsere Generation.
Nein, es hat sich nichts geändert, es ist teilweise sogar schlimmer geworden.
Und das macht mich sehr traurig.

4 Kommentare

  1. kaltmamsell

    Oh – ja, das ist sehr traurig.

  2. Trulla

    Es macht mich traurig zu lesen, dass Sie, lieber Joel, nicht die Möglichkeit hatten, sich in den entscheidenden Jahren frei und ohne Ängste zu ihrer sexuellen Identität bekennen zu können. Das muss schlimm gewesen sein für Sie.
    Meine Ängste als Mutter dreier Söhne waren genau entgegengesetzt. Kein Sohn sollte sich jemals scheuen, sich uns Eltern anzuvertrauen. Vor allem aber in so existenziellen Fragen! Ich selbst war mir immer der – fast – bedingungslosen Unterstützung meiner Eltern bewusst und so sollte es auch für meine Kinder sein. Wir haben deshalb am Familientisch über wirklich alles gesprochen, auch mit dem Ziel, dass unsere Kinder unser Denken teilen lernen:

    Jeder Mensch ist richtig wie er ist!

    Alles andere ist falsch.

  3. Herr Rau

    In meiner Kindheit, schwäbisch-bayerische städtische Provinz, kann ich mich nicht an “schwul” als Beleidigung erinnern. (Das kam erst viel später, bei meinen Schülern.) Aber gut, wäre es mir aufgefallen? Ich glaube schon, denn den Begriff gab es, er war eher tabuisiert, nicht als Beleidigung eingesetzt. Witzeleien und Bemerkungen über “vom anderen Ufer” kannte ich von Erwachsenen. Ich weiß noch, wie mich meine Mutter einmal beiseite nahm, da wr ich schon älter, und mir zu verstehen geben versuchte, dass es schon okay wäre, wenn ich, ich weiß nicht mehr, nichts mit Frauen hätte – die genauen Worte habe ich nicht behalten; aber ich hatte lange keine Freundin und mochte immer schon Musicals, das fiel ihr schon auf.

    Ich weiß nicht, warum ich das erzähle. Manches ist besser geworden, manches vielleicht wirklich schlechter. Ich habe viele Schüler, die sich die Nägel lackieren; ist gar kein Thema, kein Grund für Anzüglichkeiten irgendeiner Form. “Schwul” als Schimpfwort gibt es an meiner Schule nicht mehr. Ich weiß nicht, ob das gute Anzeichen sind.

    Aber ja, traurig.

  4. Margarete

    Erhalten Sie sich, bitte, die Kraft, über den Dingen zu stehen!
    Die Deppen sterben leider nicht aus!

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