Fressen, Kunst und Puderquaste

Eine Begegnung der anderen Art

Ich sollte für Tage wie diesen an denen wirklich nicht viel blogtaugliches passiert, mich ein wenig vorarbeiten und die Familienalbum Serie weiterführen. Aber dafür muss ich erst mal die alten Alben herauskramen die noch immer in einer Umzugskiste stehen…

Das Foto machte ich am Tag des langen Spaziergangs vom Riesenrad aus. Mein Viertel mit dem sehr spitzen Kirchturm.

Ein Ereignis hatte ich jedoch. Ich bekam gestern schon per Messenger eine Chatanfrage von einer völlig unbekannten Frau. Sie frage mich ob wir uns treffen könnten, es handele sich um ihre Tochter die unbedingt gerne “MUA” werden möchte. Da ich solche Anfragen schon öfters hatte, auch zu der Zeit als ich noch für die Filmschaffenden auf dem Stand der Studentenmesse war, willigte ich ein.

Wir sollten uns am Nachmittag treffen und wir einigten uns auf eine Terrasse auf der Place d’Armes. Die Frau war dafür extra aus dem hohen Norden Luxemburgs mit ihrer Tochter angereist.
Die Tochter voll in der Pubertät und alles besser wissend, erklärte mir klipp und klar sie wolle MUA werden. Für alle die, die Abkürzung nicht kennen: MUA heißt MakeUp Artist. Das Mädchen ist 15.
Ich fragte sie was sie denn so fasziniere an dem Beruf.
Die Umwandlung, meinte sie und dass man nachher immer so schön aussehen würde.
Ich ahnte langsam woher der Wind weht.
Wo sie denn den Begriff MUA aufgeschnappt hätte.
Auf YouTube. Sie würde sich sehr viele Tutorials angucken und Produkttests.
Ihr Lieblings YouTuberin wäre Nikkie Tutorials.
Für Unwissende: Nikkie ist eine großen Stars der Szene und spielt inzwischen in der obersten Liga mit.
Da ich mich nicht auf eine Diskussion einlassen wollte wie toll Nikkie sei und wen sie sich noch alles ansehen soll, fragte ich sie andere Dinge.
Na ja, meinte ich, wenn sie sich so sehr für den Beruf interessiere, ob sie sich denn so selbst schminken würde und ab in ihrer Freizeit mal einen Nachmittag vor dem Spiegel verbringen würde und Sachen ausprobieren würde was sie so von Nikkie sieht. Ein Eyeliner zum Beispiel, oder mit Lidschattenfarben herumexperimentieren.
Ja, sie hätte ein paar Sachen von ihrer Mutter bekommen aber das wäre nicht das Zeug was Nikkie benutzen würde und dann würde das auch nicht so aussehen.
Ich erklärte ihr dass es gar nicht um das Zeug das Nikkie anpreist, gehen würde. Es gehe um Talent und viel Übung.
Maskenblidnerei ist ein handwerklicher und künstlerischer Beruf und das lernt man in einer Ausbildung.
Die Göre stöhnte auf, sie wolle keine Ausbildung machen, sondern das was Nikiie macht. Wenn sie so früh wie Nikkie anfangen würde (Nikkie machte tatsächlich ihre ersten Videos mit 14 Jahren) dann müsste das doch klappen.
Aha, dachte ich, es geht darum YouTuber zu werden.
Also lenkte ich mal das Gespräch darauf was es heißt YouTuber zu sein. Was man dafür alles braucht und dass man sich in Schneidprogrammen auskennen muss und so weiter.
Aber das macht Nikkie doch nicht, antwortete sie.
Ja woher die ganzen Videos denn herkommen? fragte ich.
Wer filmt das denn?
Wer schneidet das zusammen?
Und von da an wurde sie hellhörig. Uff.
Zum Glück wusste ich dass Nikkie erst vor kurzem ein Video über ihr neues Aufnahmestudio gepostet hat, das die Göre seltsamerweise nicht kannte. Ich schickte es ihr und sie schaute es sich noch an Ort und Stelle an.

Und während sie in das Video vertieft war, bedankte sich die Mutter bei mir dass ich da ein paar Dinge klar gestellt hätte, das sie nicht gekonnt hätte, da sie davon nichts versteht. Dass ich ihre Tochter dort abgeholt hätte wo es nötig gewesen wäre.

Wir diskutierten noch anschließend ein wenig über YouTube und nicht mehr über Nikkie. (Uff)
Sie will also YouTuberin werden …
Na denn, viel Glück.

Die Mutter bedankte sich noch einmal und wollte mich unbedingt zum Essen einladen, doch ich lehnte dankend ab.

4 Kommentare

  1. Trulla

    Lieber Joel, ich finde, dass Sie eine sehr wertvolle Hilfe geleistet haben und die Mutter wird Ihnen zu Recht dankbar sein. Gerade in diesem pubertären Alter kann eine Mutter/Tochter Beziehung ziemlich schwierig sein und dann die Hilfe eines Dritten, noch dazu anerkannten Fachmanns, in Anspruch zu nehmen, war klug und bedacht gehandelt von der Mutter. Die Träume einer Heranwachsenden sind schließlich legitim. Dass Sie es klärend geschafft haben, diesen einen realistischen Boden zu geben, ist nicht hoch genug zu schätzen. Toll!
    Ich hoffe, Sie sehen es nicht als verlorene Zeit an.

  2. trumpetfan

    Ach, das ähnelt doch sehr den Berufswünschen so mancher meiner Schüler.
    Die ‘Göre’ wollte immerhin Make-Up auftragen (ist schon mal das). Meine Schüler werden alle Influencer. Befragt, was sie denn da so als Aktivitäten hätten, erklären sie mir meist: Na, wir ziehen Klamotten an und setzen das auf youtube und dann findet jeder uns toll und wir verdienen Geld mit 3 Milliarden Klicks. Am besten eignet sich als Vorbereitung unsere neue Marketing-Sektion. Interessant.

    • Joël

      Darum finde ich es ja unbedingt wichtig ein neues Fach in der Schule einzuführen, oder gibt es Medienkompetenz als Lehrfach schon in Luxemburg?

      • trumpetfan

        Wir sind dabei, ein solches Fach einzuführen. In der Tat, reichlich spät!

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